Der SPEYER-KURIER sprach mit dem “frischgebackenen” Landtagsabgeordneten:

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 SPEYER-KURIER: Herr Zehfuß, seit dem Rheinland-Pfälzischen Verfassungstag, dem 18. Mai diesen Jahres, sind Sie Mitglied im Landtag von Rheinland-Pfalz. Was waren denn Ihre ersten Eindrücke vom Leben und Alltag rund um den Mainzer Deutschhausplatz (Sitz des Landtages d.Red.)?

J. Zehfuß: Für mich war das natürlich zunächst einmal alles ganz neu. Neu aus zweierlei Gründen: Zum einen, weil mein bisheriges Tätigkeitsfeld über sehr viel räumliche Freiheit verfügte. So viel räumliche Freiheit hat man natürlich im Fraktions- und im Plenarsaal nicht. Das kam mir ein wenig vor wie damals, als ich mein Studium begonnen habe - also wieder hinsetzen, zuhören, viel mehr schreiben und lernen. Der zweite Eindruck, der in mir geblieben ist: Das war schon etwas ganz besonderes - eine konstituierende Sitzung erlebt man nicht jeden Tag. Das war schon etwas sehr Erhebendes.

Es wäre natürlich noch schöner gewesen, wenn ich Frau Klöckner zur Ministerpräsidentin hätte wählen können - aber, was nicht ist, kann ja noch werden...

SPEYER-KURIER: Die ersten Sitzungswochen liegen jetzt hinter Ihnen. In welchen Ausschüssen werden Sie in dieser Legislaturperiode mitarbeiten - wo werden die Schwerpunkte Ihrer parlamentarischen Arbeit liegen?

J. Zehfuß: Mein Schwerpunkt liegt in erster Linie auf Agrar- und Umweltfragen, sowie auf der Förderung regenerativer Energien. Ich bin deshalb auch Mitglied im Ausschuss für Agrar- und Umweltpolitik sowie im Arbeitskreis Energie und Wirtschaft. Dies sowie Fragen der dörflichen Entwicklung und die Schulpolitik sind die Themen, für die ich mich einbringen will.

SPEYER-KURIER: Als Mitglied der CDU gehören Sie der einzigen Oppositionsfraktion im Mainzer Landtag an. Was ist denn Ihr erster Eindruck: Können Sie dort auch aus der Rolle der Opposition heraus etwas bewegen?

J. Zehfuß: Ein SPD-Politiker hat einmal gesagt: “Opposition ist Mist!” - So würde ich es zwar nicht formulieren, aber im Großen und Ganzen hat er natürlich Recht. Es ist ein undankbares Geschäft, wenn man der Regierung ständig auf die Finger schauen muss. Dass dies allerdings notwendig ist, hat man ja in der vergangenen Legislaturperiode gesehen, wo unter einer SPD-Alleinregierung so mancher politische “Blödsinn” gemacht worden ist.

Regieren ist da sicher schöner, weil man dann die eigenen Ideen kreativ umsetzen kann. Da bedarf es aus der Opposition heraus schon sehr viel mehr Überzeugungsarbeit, bis dann die Regierungskoalition auf unsere Vorschläge einschwenkt.

SPEYER-KURIER: Nun gibt es in der neuen Landesregierung ja einen Koalitionspartner - die Grünen - den viele Bürger inzwischen als eher konservativ wahrnehmen. Hätten Sie sich im Land auch eine schwarz-grüne Koalition vorstellen können?

J. Zehfuß: Eine solche Vorstellung darf man nie völlig verwerfen. Es wird wohl auch künftig nicht so sein, dass eine Partei von einer absoluten Mehrheit ausgehen kann, Das heißt, man wird auch künftig einen Koalitionspartner brauchen. Und wenn dann die Auswahl an Partnern begrenzt ist, dann muss man sich bemühen, mit dem Verbleibenden einen Konsens zu finden.

Die grüne Wählerschaft ist ganz sicher zu einem Teil identisch mit der der Union - also wertkonservativ. Von daher gibt es durchaus nennenswerte politische Schnittmengen zwischen beiden Parteien.

SPEYER-KURIER: Ihr Start in Mainz war ja unmittelbar überlagert von der EHEC-Krise, von der Sie auch im eigenen Betrieb direkt betroffen waren. Was ist denn nach Ihrem Eindruck seitens der Politik im Umgang mit EHEC falsch gemacht worden und was können wir aus diesem Vorgang lernen?

J. Zehfuß: Im Nachhinein zu kritisieren ist immer einfach. Niemand konnte wissen, wie die Epidemie verläuft. Man hat vielleicht vorschnell den falschen Schuldigen ausgemacht, als man meinte, die Gurken seien der Epidemieträger. Dann waren die Gurken entlastet und man hat sich in den Salat geflüchtet, der sich allerdings ebenfalls nur als Sekundärträger erwies. Es ist natürlich immer problematisch, wenn man generell vor dem Verzehr bestimmter Nahrungsmittel warnt - da war auch schon eine Spur Aktionismus mit dabei.

Andererseits muss man auch einsehen, dass der Verbraucherschutz über alles geht. Niemand könnte es verzeihen, wenn aus wirtschaftlichen Überlegungen eine Warnung unterbleiben würde - da muss man auch das Robert-Koch-Institut verstehen und da muss man Verbraucherministerin Ilse Aigner verstehen. Im Umkehrschluss muss dann allerdings auch gelten, was schon im Preußischen Landrecht Gültigkeit hatte, nämlich dass jemand, der für die Gesellschaft Opfer bringt, um sie vor Schaden zu bewahren - ohne dass ihn selbst eine Schuld trifft - dass dem auch von der Gesellschaft geholfen werden muss. Das heißt: Die Gesellschaft muss sich an den Vorsorgemaßnahmen, die zu Lasten der Landwirte gingen, durch Entschädigung zu beteiligen.

SPEYER-KURIER: Als gelernter Landwirt und Gartenbau-Ingenieur, aber auch als engagierter Vertreter ihres Berufsstandes, kennen Sie die Probleme Ihrer Kollegen wie kaum ein anderer. Was sind denn derzeit die schwerwiegendsten und was wären dazu Ihre Ansätze zur Lösung?

J. Zehfuß: EHEC hat viele Betriebe in große Schwierigkeiten gebracht, die bei uns besonders die Salaterzeuger getroffen haben - die haben fast durchweg vier volle Wochen Ertragsausfall und das in einer Zeit, in der in normalen Jahren die “Kasse klingeln” muss. Wenn das im Dezember passiert wäre, hätte es nicht die gravierenden Auswirkungen gehabt wie jetzt, wo es bei vielen Kollegen ein tiefes Loch in die Kasse gerissen hat. Das gilt auch für das nach gelagerte produzierende Gewerbe, das ebenfalls drastische Ausfälle zu beklagen hat.

Was die Landwirtschaft als Ganzes betrifft, so ist eines der großen Probleme die spürbar rückläufige Akzeptanz unserer Tätigkeit in der Bevölkerung überhaupt. Das hängt sicher zum einen mit dem schwindenden Anteil der Landwirte an der Gesamtbevölkerung zusammen, zum anderen aber auch damit, dass sich auch die Menschen auf dem Lande gedanklich immer weiter von der Landwirtschaft, von der Urproduktion, entfernen. Das führt immer öfter zu Kollisionspunkten im Dorf. Bei uns äußerte sich das zum Beispiel darin, dass im Gemeinderat von Böhl-Iggelheim ein Durchfahrtsverbot für landwirtschaftliche Fahrzeuge in Erwägung gezogen worden ist. Das stimmt mich dann doch sehr nachdenklich...

SPEYER-KURIER: Ist das aber nicht eine generelle Erscheinung unserer Zeit, nämlich erst einmal die eigenen Interessen in den Vordergrund zu stellen - das geschieht ja jeden Tag, ob in der Stadt, ob auf dem Land - im Großen wie im Kleinen?

J. Zehfuß: Ja, da haben Sie völlig recht, das erlebt man immer öfter. Woran das liegt? Vielleicht sind wir einfach übersättigt und glauben, es nicht mehr nötig zu haben, auch auf den Nachbarn zu achten, meinen, nicht mehr auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen zu sein. Der Wohlstand ist, so scheint’s, dem sozialen Miteinander nicht immer förderlich. Wenn ich mich an unsere Elterngeneration erinnere: Was da alles gemeinsam gemacht wurde, geschah je zumeist aus der Not heraus. Deshalb: Je besser es einem geht, je mehr man hat, um so mehr leidet darunter das soziale Miteinander.

Speyer-KURIER: Herr Zehfuß, Ihr Wahlkreis liegt ja im Herzen der Vorderpfalz in einer Landschaft, die viele als den Gemüsegarten Deutschlands bezeichnen. Glauben Sie denn, dass angesichts der weiteren Öffnung Europas nach Ost- und Südosteuropa in Länder mit einer völlig anders gearteten Struktur - auch Einkommensstruktur - die Betriebe bei uns auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben können?

J. Zehfuß: Da bin ich mir ganz sicher! Wir haben die entsprechende Infrastruktur, wir haben das entsprechende Klima und die entsprechenden Böden. Wir haben einen ausgezeichneten Standard in der Ausbildung der Landwirte, wir haben gut funktionierende Vermarktungsorganisationen und wir haben vor allem den Fleiß unserer Landwirte und ihren Innovations- und Ideenreichtum. Wir haben hier in der Vorderpfalz eine Landwirtschaft, die so ganz anders gelagert ist, als wir sie aus dem Schulbuch kennen. Bei uns wird nach Markterfordernissen produziert und nicht nach irgend welchen Subventionsvorgaben. Wenn Sie hier auf den Feldern unterwegs sind - was da an moderner Technik unterwegs ist, was aber auch selbst entwickelt wird, das ist schon einzigartig in den Bundesrepublik. Deshalb bin ich mir ganz sicher und auch in keiner Weise besorgt, dass wir irgendwann einmal nicht mehr konkurrenzfähig sein könnten.

Wenn ein Produkt nicht mehr läuft, dann stellen wir seinen Anbau ein und suchen etwas Neues - und wir finden es dann auch.

SPEYER-KURIER: Dann fürchten Sie auch nicht die Konkurrenz aus den neuen Bundesländern, wo die Produktion oft in wahren “Agrarfabriken” erfolgt - ich denke zum Beispiel an den großflächigen Anbau von Spinat auf der Lommatzscher Pflege bei Riesa in Sachsen oder an den Kartoffelanbau in der Magdeburger Börde?

J. Zehfuß: Nein, die neuen Bundesländer tun uns nicht weh - im Gegenteil: Wir ergänzen uns hervorragend. In Zukunft werden Agrarprodukte auf der ganzen Welt immer stärker nachgefragt werden und da sind wir dann gemeinsam in einer guten Position.

SPEYER-KURIER: Was früher einmal - vielleicht auch etwas verklärend betrachtet - einfach ein Bauernhof war, hat sich heute zu einem echten Wirtschaftsbetrieb gewandelt mit einem Verwaltungsaufwand, den man sich früher so nicht vorstellen konnte...

J. Zehfuß: Das ist in der Tat heute der Wermutstropfen in unserem sonst so schönen Beruf. Wenn ich mit dem Traktor raus fahre aufs Feld, sage ich immer: “Jetzt fängt mein Urlaub an”. Denn in Wirklichkeit ist es so: Zwei Drittel der Arbeitszeit des Betriebsleiters ist damit ausgefüllt, Vorgänge zu dokumentieren, aufzuzeichnen, vorzuplanen und dreimal zu kopieren für jede einzelnen Zertifizierungsstelle.

Dann machen wir auch noch Bio-Anbau - da ist die “Dokumentationswut” noch ausgeprägter.

Das ist also wirklich der Wermutstropfen in unserem Beruf, dass wir Berge von Papier produzieren müssen, die mit der eigentlichen Produktion im Betrieb nichts zu tun haben. Sie haben es vorhin angesprochen, ein Betrieb früher: Das waren zehn Kühe, zwanzig Schweine, vierzig Hühner und ein Ochse. Der Ochse ist geblieben - und gibt heute sogar Interviews. Aber alles andere gibt es nicht mehr. Wenn wir an dem traditionellen Bild eines Betriebes festgehalten hätten, würden wir heute nicht mehr existieren - da bin ich mir ganz sicher.

SPEYER-KURIER: Glauben Sie denn, dass Ihr Betrieb ohne diese ganzen Dokumentationen, ohne die ganzen Stöße von Papier, die Sie produzieren müssen, nicht bestehen könnte?

J. Zehfuß: Uns hat man immer gesagt: Diese ganzen Dokumentationen dienen deiner eigenen Sicherheit, dass du nachweisen kannst, dass du keinen Fehler gemacht hast. Wir haben das alles nachgewiesen und haben unseren Salat wegen EHEC trotzdem nicht verkauft. Daraus ergeben sich für mich zwei denkbare Schlussfolgerungen: Entweder, wir müssen noch intensiver dokumentieren, noch mehr Papier produzieren oder der andere Schluss, den der praktische Bauer zieht: Die Dokumentation hat überhaupt nichts gebracht. Sie war schlicht “für die Katz’”.

SPEYER-KURIER: Wie hoch würden Sie denn den Anteil an verzichtbarer Papierflut veranschlagen?

J. Zehfuß: Also, ich würde sagen, zwei Drittel sind absolut unnötig. Wenn ich sehe, welche Konsequenzen es hatte, dass wir trotz “GLOBALGAP”, “QS”, “geprüftes Herkunftszeichen Rheinland-Pfalz” und was sonst noch alles - dann natürlich noch die “BIO-Zertifizierung” - was hat uns das alles in der EHEC-Krise gebracht? Nichts! Wir haben dokumentiert, dass unsere Ware in Ordnung ist. Alle Untersuchungen haben gezeigt: An unserer Ware ist nichts dran, bei uns ist sogar das Brunnenwasser untersucht worden, mit dem das Gemüse gewaschen wird, das Beregnungswasser wurde untersucht - und was hat’s gebracht? Nichts!

SPEYER-KURIER: Lassen Sie mich auf ein anderes, ein soziales Thema kommen. Wenn es in einem Fernseh-Format heißt “Bauer sucht Frau”, dann ist das eine Show. Doch wie verhält es sich in der Wirklichkeit. Ist es für einen jungen Bauern, eine junge Bäuerin wirklich so schwierig, einen Partner zu finden, der bereit ist, den sicher nicht einfachen Alltag auf dem Bauernhof mit ihr, mit ihm zu teilen?

J. Zehfuß: Also, da wird ein Bild gezeichnet, das vollkommen an der Realität vorbei geht.

Es gibt attraktive Landwirte, es gibt attraktive Landwirtinnen, es gibt Landwirte, die finden leicht einen Partner, andere tun sich schwer - das ist wie in anderen Berufen auch. Wenn ich sehe, wie unsere eigenen Kinder unterwegs sind - dann glaube ich nicht, dass sie ernsthaft in Verlegenheit kommen, die Serie “Bauer sucht Frau” zu bemühen zu müssen, um eine geeignete Partnerin bzw, einen Partner zu finden.

SPEYER-KURIER: Gut, die Frage zielt ja noch weiter: Rechnen Sie damit, dass Ihre Kinder einmal in Ihre Fußstapfen treten werden? Und öffnen wir das ruhig einmal auf den Berufsstand des Landwirts als Ganzes...

J. Zehfuß: Also, unser Junior ist jetzt 25 Jahre alt, hat seine Meisterausbildung gemacht und ist bereits im Betrieb. Die Tochter befindet sich noch im Studium an der Landwirtschaftlichen Hochschule in Geißenheim und wird wohl im nächsten Februar zum Betrieb stoßen. Beide haben bereits feste Partner - Sie sehen, da war es in keiner Weise abschreckend, dass sie im landwirtschaftlichen Milieu unterwegs sind. Natürlich muss man dieses Milieu wollen: 17.00 Uhr Feierabend haben wir nicht - geregelte Arbeitzeiten kennen wir nicht. Das geht deshalb nur mit einem großen Mass an Liebe zum Beruf, aber mit dieser Liebe zum Beruf kommt auch eine große Zufriedenheit. Und Zufriedenheit im Beruf, so denke ich, ist wichtiger als geregelte Arbeitszeit und hohe finanzielle Entlohnung.

SPEYER-KURIER: Viele zumeist jüngere Landwirte suchen ja heute wieder ihr Glück in anderen Ländern. Da gehen manche nach Irland, manche nach Skandinavien, andere gar nach Südamerika oder sogar nach Australien. Ist das wieder so etwas wie eine “neue Landflucht”?

J. Zehfuß: Das hat es eigentlich schon immer gegeben. In der Generation meines Vaters sind Kollegen nach Kanada, nach Brasilien oder nach Paraquai ausgewandert. Manche haben’s gepackt, manche auch nicht. Da muss man halt der Typ dazu sein. Für mich jedenfalls wäre das nie eine Option gewesen. Natürlich war ich oft im Ausland, natürlich haben auch meine Tochter und mein Sohn Auslandsaufenthalte hinter sich. Auslandsreisen sind bei uns allen jährlich angesagt. Zwar machen wir keine Urlaubsreisen im üblichen Sinn, sondern unternehmen Studienreisen, die uns auch beruflich weiterbilden. Da waren wir schon in Zypern, in Ägypten, in Rumänien, in Polen und anderen. Da gehen wir dann nicht in die großen Ferienzentren, sondern wir kommen vom Dorf und gegen aufs Dorf.

SPEYER-KURIER: Herr Zehfuß, gerade die Betriebe hier in der Region, die sich in erster Linie dem Sonderkultur-Anbau widmen, sind ja in hohem Maße auf Saisonarbeitskräfte angewiesen. Wie hat sich hier das Angebot in den letzten Jahren entwickelt?

J. Zehfuß: Angefangen hat das alles vor etwa zwanzig Jahren. Da war alles noch ganz unproblematisch. Wir bekamen, abgesehen von gesetztlichen Restriktionen, die es immer wieder mal gab, in jedem Jahr unsere Arbeitskräfte aus Polen. Als dann vor vier, fünf Jahren der Bauboom in Spanien und in Großbritannien losging, da sind viele Polen und auch Rumänien dort hin gezogen. Das hat sich inzwischen aber wieder alles relativiert. Die sind inzwischen alle wieder bei uns, weil sie erkannt haben, dass “nicht alles Pfund ist, was glänzt”.

SPEYER-KURIER: Wie hat sich denn die seit dem 1. Mai in der EU geltende Freizügigkeit auf diese Situation ausgewirkt? Ertrinken Sie jetzt quasi in einem zusätzlichen Arbeitskräfteangebot?

J. Zehfuß: Für die Polen hat sich durch diese Regelung das Zuzugsverfahren vereinfacht, während die Rumänen ja noch für zwei Jahre in Deutschland und in Österreich als letzten EU-Mitgliedern Einschränkungen unterliegen. Man wollte ja mit dieser Maßnahme den deutschen Arbeitsmarkt schützen, aber was hat man damit erreicht? Die qualifizierten Facharbeiter, die nicht zu uns kommen durften, haben sich auf die anderen Arbeitsmärkte in Europa verteilt und als dann auch bei uns die volle Freizügigkeit kam, da fanden wir nur noch einen von qualifizierten Kräften ausgeräumten Arbeitsmarkt. Jetzt lamentieren wir, dass wir keine entsprechenden Facharbeiter mehr bekommen. Das ist die Quittung für den verfehlten Versuch, unseren Arbeitsmarkt abzuschotten. Ich halte von solchen Maßnahmen überhaupt nichts, zeigen sie doch, dass der von politischer Lenkung unbeeinflusste Markt das alles viel besser zu regeln vermag.

SPEYER-KURIER: Sie haben uns ja schon zu Beginn unseres Gesprächs über Ihre Arbeitsschwerpunkte im Mainzer Landtag berichtet. Einer davon ist die Energiepolitik.

Wir erleben ja derzeit einen Umschwung von einem vor Monaten noch unvorstellbaren Ausmaß - weg von der Kernenergie und hin zu den regenerativen Energieformen. Wie stehen Sie zu diesem Wandel?

J. Zehfuß: Wenn Sie meinen Betrieb näher betrachten, dann sehen Sie, dass wir unseren Betrieb nahezu CO2-frei beheizen, wir erzeugen unser Warmwasser schon seit über 15 Jahren mit Sonnenenergie und wir produzieren unseren eigenen Strom. Ich war übrigens im Wahlkampf der einzige Kandidat im Wahlkreis, der einen eigenen Schwerpunkt auf die Themen Wind- und Sonnenenergie setzte und der eigens Veranstaltungen über Biogas und Pflanzenkläranlagen durchgeführt hat. Ich denke, das beantwortet Ihre Frage im Grunde schon.

Was ich allerdings interessant finde, ist, wie jetzt politisch mit diesem Komplex umgegangen wird: Mit Windkraftstandorten und mit Standorten für Biogasanlagen, die aus Abfall Biogas erzeugen. Nach der Feststellung “Atomenergie nein danke!” muss doch die Frage folgen “Was dann?” und “Wie dann?” Denn wenn wir heute ähnlich restriktiv gegen Neuerungen vorgehen wie in der Vergangenheit, werden wir erhebliche Schwierigkeiten damit bekommen, bis 2020 - 2030 die technischen Einrichtungen zur Erzeugung regenerative Energien in ausreichendem Umfang gebaut zu bekommen. Deshalb müssen wir uns damit anfreunden, auch im Wald Windenergieanlagen zuzulassen oder Biogasanlagen mit entsprechendem Zu- und Abfuhrbetrieb zu genehmigen. An all das müssen wir uns gewöhnen. Wer “A” wie “Atomkraft, nein danke” sagt muss auch “N” wie “Neubau für regenerative Energien” sagen - mit allen eingeschlossenen Belästigungen.

SPEYER-KURIER: Hängt diese Haltung in unserer Gesellschaft vielleicht auch damit zusammen, dass unsere Kinder heute in Schule und Elternhaus nicht mehr genügend erfahren über die Komplexität unserer Lebenswelt - wo alles mit allem zusammenhängt?

J. Zehfuß: Wir haben das vorhin schon kurz gestreift: Es geht meines Erachtens einher mit einem gewissen Sattsein. Wir meinen, Vieles nicht mehr zu brauchen, haben scheinbar viele Dinge nicht nötig. Doch das ist der größte Trugschluss in einem jeden Leben. Es gibt nichts, was nicht nötig wäre. Man muss natürlich nicht alles machen, was man könnte, aber man muss, wenn es notwendig ist, bereit sein, es zu tun.

Wir leben einfach ein Stück weit zu bequem. Das Licht brennt, die Wohnung ist warm, das Wasser kommt aus dem Hahn. Der Deutsche kann sich heute nicht mehr vorstellen, dass eines davon einmal für zwei, drei Stunden ausfallen könnte. Das gibt’s einfach nicht! Zumindest nicht großflächig! Aber darüber, über die ständige Verfügbarkeit von allem, müssen wir uns wieder mehr Gedanken machen und das mit unserer persönlichen Lebensführung in Einklang bringen. Da gehört es auch dazu, dass ich nicht an einer Biogas-Anlage vorbei fahre, die Nase rümpfe und ausrufe “Oh pfui!”, sondern dass ich sage: “Hej, da kommt mein Strom her, da kommt meine Wärme her!” Dieses Umdenken muss stattfinden, sonst droht uns sozialer Unfriede.

SPEYER-KURIER: In wie weit hängt das auch damit zusammen, dass viele traditionelle Werte aus dem Blickfeld der Menschen geraten sind?

J. Zehfuß: Das große Problem unserer Zeit ist nach meiner Meinung - und das zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Sozialisation - uns geht es sehr gut. Wir glauben, auf andere nicht mehr angewiesen zu sein. Wir können uns alles leisten. Und deshalb denken wir auch, auf alle Regeln verzichten zu können. Festgefügte Lebensabläufe, festgefügte Jahresabläufe gelten bei vielen heute schon fast als reaktionär. Aber der Mensch braucht eigentlich festgefügte Regeln: Zu wissen, wann Maria Lichtmess ist, wann der Johannistag ist, wann Weihnachten ist und was damit alles zusammen hängt. Und dann weiß er auch, dass Weihnachten auf der Nordhalbkugel nicht die ideale Zeit für Erdbeeren ist. Das geht uns aber heute alles ab; wir können vielmehr jederzeit über alles verfügen und leben damit in Wirklichkeit auf Kosten anderer. Ob das für kommende Generationen so bleiben kann, wage zu bezweifeln. Also: Etwas mehr Bescheidenheit, etwas mehr Demut würden uns nicht schaden.

SPEYER-KURIER: Herr Zehfuß, bei Ihren vielfältigen Aktivitäten in Beruf, Parlament, aber auch in Ihren Ehrenämtern, bleibt da eigentlich noch Zeit für Hobbies?

J. Zehfuß: Ich habe ja schon vorhin betont, dass ich in der glücklichen Lage bin, sagen zu können: Meine Arbeit ist mein Hobby. Sonst könnte man das Arbeitspensum auch nicht bewältigen. Was derzeit für uns noch ein Problem ist, dass wir zur Zeit für mich im Betrieb noch keinen Ersatz gefunden haben. Da kommen dann halt zur Zeit Freundschaften doch etwas zu kurz. Das sehen wir und bedauern wir sehr. Das wollen wir aber bis zur nächsten Saison geregelt haben. Dann haben wir uns entweder personell aufgestockt oder wir werden das so umorganisieren, dass es für uns weniger arbeitsintensiv zugeht.

Auf der anderen Seite waren wir durch unseren Beruf immer in der komfortablen Lage, uns unsere Zeit ein Stück weit selbst einteilen zu können. So haben wir trotz vieler Arbeit im Betrieb sicher mehr Zeit mit unseren Kindern zugebracht als das bei den meisten ihrer Alterskameraden der Fall war. Wir haben Familienleben und Berufsleben möglichst dicht mit einander verbunden, wobei die Kinder immer Vorrang hatten. Wenn die um 14.00 Uhr aus der Schule kamen, dann haben wir unseren Mittagstisch auf 14.00 Uhr gelegt - dann wurde nicht nur zusammen gegessen, sondern auch zusammen geredet - über die Schule und was in den einzelnen Fächern so los war - und zwar detailliert. Dadurch wussten wir, meine Frau und ich, immer, wie es um die Kinder steht und unsere Kinder spürten, dass wir uns für sie und ihr Leben wirklich interessieren.

SPEYER-KURIER: Herr Zehfuß, wenn Sie einmal - losgelöst vom heimischen Hof und vom Mandat - frei über unbegrenzte Zeit verfügen könnten, wie würden Sie diese Zeit nützen? Was wäre da Ihr Traum?

J. Zehfuß: (denkt lange nach...) Da würde ich in die Ukraine fahren, mir einen landwirtschaftlichen Betrieb suchen und dort in der schwarzen, fetten Erde endlose Furchen pflügen. Es gibt nichts Schöneres, als auf dem Traktor zu sitzen und zu pflügen. Da bekommen Sie einen steifen Hals, weil Sie ständig nach hinten schauen und beobachten, wie hinter Ihnen die fruchtbare Erde fällt. Das ist ein Gefühl - das ist für einen Nichtlandwirt vermutlich nicht nachvollziehbar: Das ist Glück - Zufriedenheit - Dankbarkeit für die letzte und Hoffnung auf eine nächste, so Gott will, gute Ernte. Wenn hinter Ihnen die Erde fällt, spielt das alles mit...

SPEYER-KURIER: Lieber Herr Zehfuß, dann bleibt mir nur, mich ganz herzlich für dieses Gespräch zu bedanken. Der SPEYER-KURIER wünscht Ihnen noch viele gute Ernten - auf Ihrem Hof, aber auch in Ihrer politischen Arbeit im Landtag in Mainz.

Das Gespräch führte Gerhard Cantzler / Fotos: sim

30.06.2011